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Ein Politikerbesuch in einer Schulklasse kann als bemühte Pflichtveranstaltung leicht misslingen. Doch die vier Politiker-Stunden, die die Bürgermeister Ilg aus Hersbruck, Hacker aus Röthenbach, Bisping aus Lauf und Landrat Armin Kroder am 28. und 30. Januar an den Montessori-Schulen hielten, gehörten nicht in diese Kategorie. Der „Tag der freien Schulen“ ist eine Aktion aller Dachverbände von Schulen in freier Trägerschaft, an dem „Politiker eine Unterrichtsstunde spenden“. Die Überraschung liegt meist auf beiden Seiten: Politiker sind nahbar und Politik hat sehr viel mit dem eigenen Leben zu tun. Und die Schüler der freien Schulen sind schon recht engagierte und selbstbewusst nachfragende junge Persönlichkeiten.

Robert Ilg führte in der Mittelschule-Klasse 9/10b von Lehrerin Bettina Bloß ein anderthalbstündiges angeregtes Gespräch über Klimaschutz, Toleranz, Sinn und Unsinn einer Cannabisfreigabe und zu teure Tickets für den öffentlichen Bus- und Zugverkehr).

Gleich am Anfang wollen die 14- bis 16-Jährigen wissen, was die Politik im Landkreis für den Klimaschutz tut. „Recht viel“, antwortet Ilg. Im Nürnberger Land gebe es nicht erst „seit Greta“ Ansätze: Energiesparmaßnahmen und Photovoltaikanlagen an kommunalen Gebäuden sind längst normal, dazu kommt der Versuch, Hausbesitzer über Information und Beratungsangebote zu einer besseren persönliche Ökobilanz zu bewegen. Hersbruck selbst plant und baut Nahwärmenetze. (Auch Windräder waren dort ein ernst zu nehmendes Projekt, bis sie 2014 die strengere bayerische Abstandsregelung unmöglich machte.) Ilg verdeutlicht, dass ein Bürgermeister mit den Bürgern und Jugendlichen im selben Boot sitzt: „Wir leben ja auch auf dieser Erde, haben auch Kinder, und machen uns unsere Gedanken.“ Später fügt der 51-Jährige noch respektvoll an: „Eure Generation hat es aber geschafft, uns grauhaarigen Männer wachzurütteln. Ihr habt großen Anteil, dass das Tempo beim Klimaschutz anzieht. Ihr werdet wahr und ernst genommen.“

„Ihr habt uns wachgerüttelt!“

Rasch entspinnt sich ein wirkliches Gespräch in der 9/10b, einmal fragen die Schüler, dann wieder der Politiker, der unter anderem wissen will: Sollen schon 16-Jährige wählen dürfen? Die Äußerungen der Zehntklässer beeindrucken Ilg, wie er hinterher verrät. Seine jungen Dialogpartner wägen sorgfältig ab, denken weniger an sich, sondern mehr an die Gefahr „jugendlichen Leichtsinns“. Ach ja: ab 18 oder sogar 21 halten sie für besser.

Gezielt bringt Ilg den demokratischen Grundwert „Toleranz“ ins Gespräch ein. Die Schüler verbinden damit vor allem „Offenheit“, „Respekt“, „Akzeptanz“ und „Flexibilität“. Der Politiker stimmt zu und denkt selbst zuerst an ein gutes Miteinander im Stadtrat oder Kreistag. Toleranz bedeutet für ihn hauptsächlich, dass andere unliebsame Meinungen respektiert werden. Deshalb müsse niemand seinen Standpunkt aufgeben, aber wenn die Mehrheit anders entscheidet, dann müsse jeder dies als gemeinsame Arbeitsgrundlage akzeptieren. Der Bürgermeister braucht den Mittelschülern nicht erst zu erzählen, dass er seine Überzeugung im politischen Alltag nicht mit Macht durchdrücken kann, denn dann verliere er langfristig Akzeptanz und schließlich seinen Job. „Ich bin eben nicht der König von Hersbruck“, sagt er, und es sei auch gut so, dass er und seine Kollegen sich regelmäßig bei den Bürgern neu bewerben müssen.

Glaubwürdigkeit auch im Privaten

Das hat beim Unterrichtsgespräch mit Benedikt Bisping die Schüler der Lerngruppe 10 stark beeindruckt. Schon die Kurzvorstellung des Laufer Bürgermeisters hat der Lerngruppe verraten, dass da einer erst aktiv war und dann Berufspolitiker geworden ist. Zusammen mit dem Klassenlehrer Thomas Ramsenthaler gab es einen Kurzabriss der Laufer Umweltbewegung. Doch dadurch haben sich die Schüler mit überlegten und kritischen Fragen nicht bremsen lassen, die auch vor persönlichen Aspekten nicht halt machten: Flugreisen waren ebenso ein Thema wie das Einkommen als Bürgermeister. Benedikt Bisping erinnerte im Gegenzug daran, dass Forderungen alleine nicht reichten, Engagement sei gefragt; wenn alle Angebote nicht wahrgenommen würden (wie z.B. der Jugendrat), dann könnten Wünsche auch nicht in politisches Handeln übersetzt werden. Und die prognostizierte Klimakatastrophe treffe viel mehr die junge Generation als seine eigene.

Umweltschutz ist TOP-Thema

Auch beim Besuch von Klaus Hacker, dem Röthenbacher Bürgermeister, in der 12. Klasse der Monte-FOS (Gestaltungszweig) von Lehrerin Julia Edich wollten die Schüler vom Politiker zuerst hören, was in der Region für den Umweltschutz getan wird. Die jungen Erwachsenen waren aber ebenso gespannt, was der frühere SPD-Politiker und heutige Freie Wähler zu den Themen Rechtsextremismus und Digitalisierung zu sagen hat.

Beim Thema Rechtsextremismus haben es die Zwölftklässer mit einem Politiker zu tun, der seit Jahrzehnten bei „Nazi-Aufmärschen“ in Nürnberg gegendemonstriert und auch sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit Flagge zeigt und Stellung bezieht. „Wir Demokraten müssen immer in der Überzahl sein“, lautet sein Credo und er fordert die Schüler auf, sich ebenfalls zu engagieren. Angesprochen auf Hass-Erfahrungen, erzählt der Bürgermeister, dass es eine rechtsextreme Strategie ist, Demokraten in Ämtern auf unschöne Weise mürbe zu machen. Er und seine Kollegen bräuchten deshalb die Fähigkeit, so etwas auszuhalten.

Hassmails kennt jeder Bürgermeister

Insgesamt gibt der 60-Jährige über die rund 70 Minuten einen anschaulichen Einblick in seinen Beruf. Eine Schülerin stellt am Ende fast überrascht fest: „Dann haben Sie einen schönen Job“, weil er so abwechslungsreich sei und er Kontakt mit verschiedensten Menschen habe. Das könne man so sagen, bejaht Hacker – trotz hohen Einsatzes. Eine 70-Stunden-Woche muss die Ehefrau erst einmal mitmachen, die öffentliche, manchmal polemische Kritik auf Social-Media-Kanälen muss eine Person öffentlichen Interesses erst einmal wegstecken und die nicht immer einfache Verantwortung für 216 städtische Mitarbeiter muss ein Chef erst einmal dauerhaft tragen. Ein Bürgermeister ist oft auch spontan als Problemlöser gefragt, nicht „prätentiös“ sollten die Entscheidungen dann sein, so Hacker, sondern pragmatisch und gerecht. Er selbst fahre immer am besten mit Bauchentscheidungen, verrät der Politiker.

Bei größeren Angelegenheiten aber ist sorgsames Abwägen und die Kenntnis größerer Zusammenhänge eine Basiskompetenz. Beispiele dafür gibt Hacker als Antwort auf Schülerfragen. So sei ein kostenloser Freibadeintritt für Kinder und Jugendliche keine gute Idee, weil dies würde alle anderen Schwimmer zurecht empören. Und ein kostenloser Nahverkehr, so eine weitere Schüleridee, würde den Landkreis jährlich zusätzlich eine Summe im Millionenbereich kosten – das wäre verantwortungslos.
Go-in und Go-out als ÖPNV-Vision

Der öffentliche Nahverkehr im Kreis war auch in der Kurzstunde von Landrat Kroder ein zentrales Thema, hat doch fast jeder Schüler der Monte-FOS damit Erfahrung. Freie Fahrt zumindest am Wochenende, höherer Takt, eine ÖPNV-Card oder Zugangskontrollen wie in anderen europäischen Staaten brachten die Zwölftklässer des FOS-Leiters Jürgen Thoma ins Spiel. Armin Kroder betonte, wie sehr er auf digitale Lösungen für eine verbesserte ÖPNV-Nutzung setze. Er betonte aber auch, dass der Kreis N-Land zum großen Nürnberg-Verbund gehöre und nicht autonom sei in seinen Entscheidungen. Aber „mehr ÖPNV“ sei angesichts der Klimadaten einfach notwendig und die Bereitschaft in der Bevölkerung sei ja gegeben. Der Landrat nutzte die Zusammenhänge, um die Arbeit der Verwaltung und die große Leistung der Ehrenamtlichen im lokalen Politbetrieb zu erklären. Und er warb auch für die Berufe in der Verwaltung und für den Bayerischen Staat als Arbeitgeber.

Montessori Lauf/Text: Manfred Scholz, Red.: I.Röschlau

Die Broschüre zu diesem Thema – heute mal als Comic – finden Sie unter: https://www.politikmachtschule2020.de/epaper/index.html#0